Medienspiegel

Coopzeitung Nr. 48, 25.11.2008
Persönlich. Pedro Lenz trifft mit Worten bis ins Herz.
Pedro Lenz erzählt in seinen sehr speziellen «Gedichten», wie das Leben so spielt. Das Publikum seiner Lesungen lacht – und staunt.

De tuet doch der Tinu, dä Tubu, di Türe zue

Download ganzes Interview als pdf-Datei


Coopzeitung: Wieso wurden Sie Dichter?
Pedro Lenz: Weil ich nicht viel anderes kann.

Aha, und das reicht?
Das war nur ein Spruch. Ich schrieb schon immerviel. Mit 16 begann ich eine Maurerlehre. Da schrieb ich, um mein Ein-tauchen in die fremde neue Welt zu verarbeiten.

Wollten Sie schon als Kind Maurer werden?
Ich wollte vor allem erwachsen werden! Mein Vater arbeitete in einem Büro, das kam mir nicht attraktiv vor. Die Vätermeiner Kollegen, die Schlosser oder Schreiner waren, imponierten mir mehr.

Ihr Vater war doch Direktor der Porzellanfabrik in Langenthal?
Schon, ich fand es aber bei den Brennöfen in den Produktionshallen viel spannender als in seinem Büro. Er nahm mich an den Samstagen oft mit, und dort, in der «Porzi», fing ich an, mich für Leute und ihre Geschichten zu interessieren.

Wie reagierte die Familie, als Sie die Maurerlehre anfingen?
Ich brach ja den Gymer ab. Meine Eltern akzeptierten, dass ich mir etwas Eigenes in den Kopf gesetzt hatte. Ich zog das dann durch, auch wenn es manchmal hart war, vor allem im Winter. An den Regen und Schnee und die Kälte auf dem Bau konnte ich mich nie gewöhnen. Ich fror immer an die Hände und Füsse.

Sie sind ja auch halber Spanier: Ihre Mutter ist Spanierin. Wollten Sie nie spanisch schreiben?
Wir sprachen zwar daheim spanisch, doch bisher schrieb ich fast nur an der Uni spanische Texte, als ich die Sprache viel später studierte.

Arbeiten Sie immer noch ab und zu auf dem Bau?
Nein, mir wurde klar, dass ich das nicht lebenslang machen will. Doch es war schon sehr spannend, mit so verschiedenen Leuten zu tun zu haben, von 16 bis 65 war alles vertreten auf dem Bau, dazu all die Nationalitäten und Sprachen. Es war das reinste Babel!

Wieso ist auf Ihrem neuen Buch ein Teppichklopfer abgebildet?
Der passt doch zum Titel des Buches ...

… der lautet: «Plötzlech hets di am Füdle». Was meinen Sie damit?
Diese Aussage kommt in einer meiner Geschichten vor. Mir gefällt sie, weil sie fast nicht auf Hochdeutsch zu übersetzen ist. «Plötzlich hats dich am Arsch» wäre viel zu vulgär und negativ. Wenn es einem «plötzlich den Ärmel reinnimmt», - kommt das der Sache schon näher. Und das kann ja positiv sein, etwa wenn man sich verliebt oder wenn man Fan wird von etwas.

Worum geht es in den Geschichten hauptsächlich?
Mir geht es eigentlich immer um alltägliche Themen und um Figuren, die sonst in der Literatur nicht so vorkommen. Meine Figuren - eher Verlierertypen - sind oft in etwas gefangen, sei es in einer Beziehung, in einer Sucht, der Religion oder was auch immer.

Wie entstehen diese Geschichten?
Manchmal schnappe ich einen Satz auf. Die Geschichte vom «Schiri» entstand, weil ich auf einem Fussballplatz hörte, wie die Buben einem etwas schwerfälligerenKind zuriefen: «Du gehst ins Goal». In meiner Geschichte wurde da-raus ein Bub, der beim «tschutten» nicht mal ins Goal darf, sondern immer bloss den Schiedsrichter spielen muss. Um das erträglicher zu machen, deutet der Bub das aber um.

Das machen wir alle, nicht?
Doch klar, ich nehme mich da auch selber nicht aus. Wenn etwas in meinem Leben nicht so he-rauskommt, wie ich es erhofft habe, suche ich nach einer Erklärung, die mir hilft, damit leben zu können.

Aber Persönliches, etwa aus Ihrem Liebesleben, geben Sie kaum preis?
Nur sehr verschlüsselt. Mehr sage ich dazu nicht.Mehr als die Geschichteinteressiert mich oft eh der Sound, der entsteht. Damit es beim Vorlesen echt klingt, braucht es eine Rhythmisierung der Sprache.

Ein Beispiel bitte!
Ein Satz wie «De tuet doch der Tinu, dä Tubu, di Türe zue» - könnte aus einem Gespräch sein, nicht? Ich versuche, künstlich eine Art Natürlichkeit zu erzeugen.

Eignet sich Berndeutsch dafür besonders gut?
Vielleicht. Mir geht es aber nicht darum, ausgefallene Worte aus der Mundart zu behüten. Ich verwende beim Schreiben nur Wörter, die ich im Ohr und Gebrauch habe. «Sorry» etwa, kommt im Berndeutsch-Lexikon nicht vor, bei mir schon.

Wie bringen Sie es fertig, dass Ihre Lesungen so erfolgreich sind?
Ich versuche, dem Publikum ein bisschen etwas zu bieten. Manchmal gibts Musik oder ich singe.

Sind Sie berühmt?
Bei mir zu Hause am Küchentisch weltberühmt.

Soso!
Nein, aber durch die «Morgengeschichten» am Radio bin ich schon etwas bekannt geworden. Wenn ich im Raum Bern lese, sind die Säle voll. In der Ostschweiz weniger, aber das ist schon recht.

Sie können vom Schreiben leben?
Vor allem von den Lesungen. Am Morgen schreibe ich, am Abend trete ich auf, letztes Jahr 300-mal. Mein Privatleben ist momentan wirklich nicht so bewegend. Ich arbeite einfach.

Text: Eva Nydegger
Fotos: Peter Mosimann

zurück zur Übersicht