Medienspiegel

VON KLEINEN UND GROSSEN TRÄUMEN
Premiere von HOHE STIRNEN im Theaterstudio Olten: “Tanze wie ne Schmätterling” begeisterte
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Premierenkritik zu “Tanze wie ne Schmätterling” vom 26.10.2009

Um kleine und grosse Träume dreht sich das Stück «Tanze wi ne Schmätterling» von Pedro Lenz (Worte) und Patrik Neuhaus (Musik), das am Wochenende im Theaterstudio Olten seine Premiere feierte. Es handelt von der Box-Legende Muhammad Ali, die1971 in Zürich-Oerlikon auf die Coiffeuse Regula Geiger trifft. Manchmal reicht die Zeit für einen Haarschnitt, um ein Leben zu erzählen.

von JACQUELINE LAUSCH

Louisville, Kentucky, USA, Spätsommer 1950: Ein kleiner, schwarzer Bub liegt im Bett und kann nicht schlafen. Er träumt die Art von Träumen, die man unmöglich träumen kann, wenn man schläft. Er denkt an seinen Vater, der Heiligenbilder malt, auf denen der Heiland immer weiss und immer blond ist, fragt seine Mutter, warum er zu einem weissen Heiland beten soll.

«Sternen» Oerlikon, 1971: Polle, der Abwart im Hallenstadion weiss etwas zu erzählen: «Der Ali kommt zu mir!» 1971 ist das Jahr, in dem Schweizer Frauen erstmals abstimmen und wählen dürfen
und das Schweizer Fernsehen die Tagesschau in Farbe produziert. «Welcome Champion, I am Polle», so wird die Box-Ikone in Zürich empfangen. Mit Hochachtung, aber bodenständig und unverdorben
zeichnet Pedro Lenz den Abwart als einen, der sich an den kleinen Dinge des Lebens freuen kann. Als jemanden, der das, was er macht, richtig macht. Muhammad Ali skizziert Pedro Lenz als Rebellen, der für die Rechte der Schwarzen einsteht. Oder aber er zeigt Ali, den sanften Zauberer, der nach dem legendären Box-Kampf in Kinshasa gegen George Foreman, die Aufmerksamkeit der Kinder auf einer staubigen Treppe weit mehr geniesst, als den stürmischen Applaus des Publikums.

Es fliesst kein Blut im neuen Stück von Pedro Lenz (Worte) und Patrik Neuhaus (Musik), die als Duo Hohe Stirnen auftreten. «Tanze wi ne Schmätterling» handelt von Fäusten, die verbunden sind mit Armen und Beinen. Verbunden aber auch mit Herz und Leben. Von Schmerzen, die nur ein paar Tage dauern, und von solchen, die nie vergehen.

Ungekünstelte Intimität
Pedro Lenz, in dunklem Anzug und weissem Hemd liest aus einem schwarz eingebundenen Buch. Seine innere Bewegtheit ist spürbar. Jede Faser seines Körpers scheint angespannt. Der Langenthaler
Autor und Performer lebt seine Figuren, schafft beim Vorlesen eine ungekünstelte Intimität und Nähe, der man sich nicht entziehen kann. Dem Hauswart, der Coiffeuse, den kleinen Leuten eben, gibt der begnadete Geschichtenerzähler eine Stimme. Dass sie dem Box-Champion wie Ihresgleichen begegnen, verwundert nicht. Tragen sie nicht alle ihre Träume in sich? Bloss dass Ali den grossen Träumen
nachhängt, die Coiffeuse den kleinen. Ihn kennt man in der ganzen Welt, sie nicht mal bis Zürich Schwamendingen. Für Ali kann der Himmel nicht hoch genug sein, Regula Geiger hingegen wollte schon immer Coiffeuse werden, nie Prinzessin oder Tänzerin ... Gemeinsamkeiten haben sie trotzdem, Regula Geiger, Madiswil, Oberaargau, und Muhammad Ali, Louisville, USA: Beide haben sie nie vergessen, woher sie sind und wohin sie wollen. Kunstvoll verknüpft Pedro Lenz seine präzisen Beobachtungen des Alltäglichen mit dem Aussergewöhnlichen. Den dienstfertigen Salon-Jargon der Coiffeuse im Schnipp-Schnapp der Schere stellt er in Kontrast zu Sinnfragen des Lebens. Manchmal reicht die Zeit für einen Haarschnitt, um ein Leben zu erzählen…

Pedro Lenz pflanzt Geschichten und Bilder in die Köpfe des Publikums und zaubert ihnen ein Lächeln aufs Gesicht. Er erfindet Figuren, wie sie jedem von uns schon mal begegnet sind. Nur dass wir uns nicht die Zeit genommen haben für sie. Etwa um zu beobachten, dass der Abwart am Handgelenk noch immer das Konf-Geschenk von Götti Heinz trägt ...

Wort und Klang
Am Klavier begleitet wird Pedro Lenz von Patrik Neuhaus, der die Musik arrangiert hat und auch Eigenkompositionen ins Programm einbringt. Mal im Wechselspiel, dann wieder in Harmonie mit den Worten bereichert Patrik Neuhaus die Lesung mit wundervollen Klängen von Chopin bis Gershwin.

Pedro Lenz muss ein Menschenfreund sein. Wie sonst könnte er seine Figuren so liebevoll charakterisieren? Ihre Stärken und Schwächen, ihre grossen und kleinen Sehnsüchte? Das Publikum, das in die Gunst der Schweizer Premiere von Hohe Stirnen im bis auf den letzten Platz besetzten Theaterstudio Olten kam, zeigte sich begeistert und bewegt von dieser in biografischen Begebenheiten wurzelnden Geschichte um die Box-Legende Muhammad Ali und entliess das Duo Hohe Stirnen mit tosendem Applaus.

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