Medienspiegel
NZZ am Sonntag, 22.06.2008
Der Berner Autor und Performer Pedro Lenz liest nächste Woche als einziger Schweizer am 32. Ingeborg-Bachmann-Preis-Wettbewerb.
Unser Mann in Klagenfurt
Beinahe hat man das Gefühl, Pedro Lenz bücke sich ein wenig, wie er da seine zwei Meter Körperlänge aus dem Lift hinausbewegt. Als wolle er nicht grösser sein als andere, denkt man, und dass er, der einen Rasenwart-Monolog verfasst hat mit der Zeile: «de Rägewurm isch de Klimatechniker vom Ungerbode», sich auf jeden Fall für bodennahe Existenzen interessiert. Für die Gefallenen und jene, die von Natur aus nicht hoch hinauskommen. «Ich suche das Aussergewöhnliche im Banalen», sagt Lenz, der aus Langenthal stammt, jener Kleinstadt, die als der Durchschnitt der Schweiz gilt.
Der Schriftsteller, Performer und Kolumnist ist unsere Vertretung am diesjährigen Wettlesen um den Bachmann-Preis, der seit 1977 im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur vergeben wird. Der letzte Schweizer, der ihn gewann, war Reto Hänny - im Jahr 1994. Seither gab es noch dreimal Nebenlorbeeren. Der Preis gilt in seinem Fach als einer der begehrtesten; ob er immer noch zu den wichtigsten zählt, ist angesichts des Werdegangs bisheriger Gewinner zumindest fraglich. «Typische Klagenfurt-Prosa», sagen böse Zungen über deren Bücher und meinen: brav, belanglos, genormt. In Klagenfurt selbst gibt man sich Mühe, öffentlichkeitswirksam attraktiv zu sein. Alle Lesungen werden am Fernsehen übertragen, Eröffnung und Preisverleihung zur Primetime. Dieses Jahr lesen erstmals statt 18 Autoren nur noch 14, und diese nicht mehr an fünf, sondern nur an drei Tagen. Ein pfefferiger Moderator und ein neues Bühnenbild mussten her.
300 Auftritte pro Jahr
Das Grundproblem bleibt: Wie macht man Dichtung sichtbar, ohne in Klischees zu verfallen? Pedro Lenz, mit 43 Jahren einer der älteren Teilnehmer, kennt diese Schwierigkeit. Beim Gespräch auf der Plattform vor der Universität Bern zündet er sich Zigarette um Zigarette an, rauchfrei dagegen zeigt ihn das kurze Porträt, das auf der Bachmann-Preis-Website einsehbar ist. «Ich, sinnierend in einer Dunstwolke, das wäre mir zu abgedroschen vorgekommen.» Über den Inhalt des Textes, den er vorlesen wird - einen Auszug aus seinem ersten Roman mit dem Arbeitstitel «Inland» -, darf er nichts verraten; nur so viel: Er habe geschrieben, was und wie er immer schreibe.
Das steigert vielleicht nicht gerade seine Gewinnchancen, bekundete doch die Gewinnerin von 2006, Kathrin Passig, sie habe sich «Mühe gegeben, möglichst viele Bedeutungsebenen und Metaphern in den Text hineinzustopfen». Lenz klingt ganz anders. Unverblümte Rede und Rhythmus prägen seine Texte, nicht Innerlichkeit und Seelenblei. So weiss der Greppen Hugo in «Am Hugo sy Vatter»: «Weme A seit zure Frou, de muesme nid nume B säge, de muesme ds ganze Alphabet abebätte.» Abgründig lakonisch, aber subtil setzt Lenz Pointen; kniet sich lustvoll in Sprachspielereien wie in «Böbu und Bärble» oder «Sone Sou».
Lenz ist witzig, ohne den Witzereisser zu geben. Leider gewinnen humorige Texte selten die Gunst der Klagenfurter Jury. Dafür hat Lenz den Vorteil, ein geübter Performer zu sein: Letztes Jahr stand er 300-mal auf der Bühne, dieses Jahr wird es noch öfter sein. Manchmal sind es acht Auftritte pro Woche, vom Schulhaus am Morgen geht es zum ökumenischen Treffen am Nachmittag und zur CD-Vernissage am Abend. Viele Auftritte bestreitet Lenz nicht allein, sondern in einem der drei Bühnenprojekte, an denen er beteiligt ist. «Bern ist überall» heisst die Autorengruppe, unter anderem mit Beat Sterchi und Guy Krneta. Unter dem Label «Tintensaufen» organisiert er mit Schriftstellerkollegen Lesungen, in «Hohe Stirnen» verbindet er Musik und Literatur. Ausserdem schreibt er Kolumnen im «Bund», in der «WOZ», im «Langenthaler Tagblatt» und - als passionierter Fussballfan - jetzt auch täglich im «Sport-Blick».
Weg vom bluemete Trögli
Lenz ist kein literarischer Shootingstar, kein poetischer Jungspund am Anfang, sondern regional - und punktuell darüber hinaus - bestens verankert. Das stört ihn nicht, im Gegenteil. In seinem «Kleinen Lexikon der Provinzliteratur» gibt es denn auch anstelle eines Nachworts einen Eintrag über ihn selber. «Als ich einmal längere Zeit in Glasgow lebte, suchte ich mir sofort zwei, drei Stammlokale, meine Bäckerei, meinen Kiosk und meine paar Leute», sagt Lenz. «Ich würde wohl auch in New York ein Dörflein finden.»
Vermutlich sei er ein «Provinzler» geworden, weil er als Bub zuerst nur die spanische Muttersprache konnte. Der Weg des Sohns eines Porzellanfabrik-Direktors in die Feuilletons war ein verschlungener: abgebrochenes Gymnasium, eine Maurerlehre und sieben Jahre auf dem Bau; dann die nachgeholte Matur und einige Semester Studium der spanischen Literatur. 2001, von einem Tag auf den anderen, beschloss er, freier Autor zu werden. Nach kurzer Zeit konnte er Kunst und Broterwerb verbinden und gewann mit Kolumnen und Poetry-Slams bald ein Publikum, das wächst und wächst.
Für die Bühne schreibt Lenz ausschliesslich Berndeutsch. Aber Bluemeti-Trögli-Literatur ist ihm ein Graus. Seine Menschen nehmen auch «Schuger und Goggi» oder «snööben», in der Gruppe «Bern ist überall» sind neu Autoren aus der Romandie dabei. «Wir sind alle für die Unreinheit der Sprache. Nur so kann sie überleben.»
In Klagenfurt darf man darum kaum etwas Konventionelles von ihm erwarten. Harsche Kritik der Jury, die auch schon Tränen auslöste, fürchtet Pedro Lenz nicht. «In meinem Alter bricht man nicht gleich zusammen.» Er gehe mit wenig Erwartungen hin, aber mit Vorfreude. Und er weiss: «Wenn ich sang- und klanglos ausscheide, ist das meinen Zuhörern in der Gemeindebibliothek sowieso egal.»
Lenz lesen, hören und sehen
Pedro Lenz ist an drei Bühnenprojekten beteiligt (u. a. «Bern ist überall»), tritt aber auch oft alleine auf (Termine: http://www.pedrolenz.ch). Seine Texte erscheinen in verschiedenen Verlagen, zuletzt «Heimvorteil» (Hörbuch, Fr. 20.-, Partysounds), «Angeri näh Ruschgift» (Hörbuch, Fr. 28.-, Der gesunde Menschenversand) sowie «Das Kleine Lexikon der Provinzliteratur» (Bilger, Fr. 32.-). Seine Kolumnen erscheinen im «Bund», in der «WOZ» und im «Langenthaler Tagblatt», während der EM täglich auch im «Blick». Lenz wurde u. a. mit dem Literaturpreis des Kantons Bern 2008 ausgezeichnet. Vom 26. bis 28. 6. liest Lenz als einziger Schweizer im Wettbewerb um den Ingeborg-Bachmann-Preis an den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt. Live-Übertragung auf 3sat und online (http://bachmannpreis.orf.at).
NZZ am Sonntag, Regula Freuler, 22.06.2008
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